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Unsere westliche Welt ist alles andere als perfekt. Nichtsdestotrotz muss bei aller Kritik eine gewisses Maß an Grundfreiheit des Individuums zugestanden werden. Beispielsweise können Sie als einzelner Leser Ihre politische Meinung kundtun, wann und wie immer Sie wollen. Es gibt inzwischen sogar ein Medium, mit dem Sie das weitgehend ohne Kostenaufwand tun können: das Internet. Das Individuum hat also prinzipiell mehr Möglichkeiten zur freien Meinungsäußerung denn je - eine insgesamt sehr positive und erfreuliche Entwicklung. Vielleicht auch deshalb nennt man unsere heutige Gesellschaftsform "Informationsgesellschaft".

Bedeutung der Informationstechnologie


Dieser Name kommt nicht von ungefähr. Er verdeutlicht, dass in unserer Gesellschaft Information zur wichtigsten Ressource geworden ist. Die technologische Entwicklung hat diesen gesellschaftlichen Wandlungsprozess beschleunigt bzw. erst ermöglicht, und erfreulicherweise gingen mit technologischen Weiterentwicklungen Verbesserungen der Individualfreiheit einher. Das Internet ist das dafür prominenteste Beispiel.

Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit der Gesellschaft von der Informationstechnologie. Ein Büro ohne Computer? Unvorstellbar. Ein Festplattencrash? Der potenzielle Tod eines mittelständischen Unternehmens. Wir stehen also vor der Situation, dass der Einfluss der Informationstechnologie in die herkömmlichen Bereiche der Gesellschaft hineinzuwachsen beginnt. Man könnte auch sagen, dass jeder Bürger - wenn nicht schon heute, dann in dreißig Jahren - persönlich von Veränderungen im Umfeld der Informationstechnologie beeinflusst wird.

Dafür Sorge zu tragen, dass es in der Informationstechnologie nicht zu verhängnisvollen Fehlentwicklungen kommt, ist also eine Grundaufgabe der heutigen Regierungen.

Schatten am Horizont


So wie es aussieht, erfüllen die Regierungen der westlichen Welt diese Grundaufgabe im Moment nicht sehr gut.

Beispiel Softwarepatente:


In Amerika ist es schon Gesetz, in Europa wird es das Europaparlament wahrscheinlich bald beschließen: Softwarepatente werden eingeführt. Das bedeutet, dass man künftig ein bestimmtes Stück Code patentieren lassen kann, so z.B. einen Algorithmus zum Finden einer Textstelle in einer Datei.

Wenn man Erwägung zieht, dass Software letztendlich eine andere Form der Mathematik ist, wird schnell klar, wie absurd die Idee des Eigentums an Software-Stücken eigentlich ist. Genauso gut könnte man ein Patent auf die Zahl 1.342929*10² beanspruchen, zumindest, sofern man der erste ist, der diese Zahl benutzt. Mathematik ist abstrakt. Man kann zwar Gleichungen entdecken, aber nicht im eigentlichen Sinne erfinden. Daher ist auch nicht einzusehen, weshalb man ein Eigentumsrecht auf mathematische Prinzipien haben sollte.

Software-Patente werden also nicht erteilt, um Eigentum an der Software selbst zu schützen, sondern um die Investitionen zu schützen, die für die Entdeckung der zugrundeliegenden Algorithmen aufgewendet wurden. Eine andere Erklärung bietet sich hier nicht an. Investitionsschutz seitens der Politik jedoch entstammt dem Gedanken, der Gesellschaft insgesamt etwas Gutes zu tun, anders ist er nicht zu rechtfertigen. Doch profitiert die Gesellschaft wirklich von Softwarepatenten?

Profitiert die Gesellschaft z.B. davon, dass kleinere Firmen sich dem Patent-Diktat der größeren werden beugen müssen? Ist es gut, dass dadurch ein Wettbewerbsfaktor ausgeschaltet wird? Hat es für mich positive Auswirkungen, wenn die Open-Source-Bewegung zumindest in schwere Bedrängnis gerät, weil sie bestimmte Patentgebühren nicht aufbringen kann? Ich würde alle diese Fragen entschieden verneinen.

Hinzu kommt, dass diejenigen, die einen solchen Investitionsschutz für sinnvoll halten, eine entscheidende Tatsache übersehen: Information ist essenzielle Voraussetzung für das Funktionieren des Software-Marktes. Ohne Information bricht der Markt zusammen. Software-Patente jedoch zielen gerade darauf ab, die für den Software-Markt relevanten Informationen künstlich zu verknappen.

Und damit wird auch klar, worum es hier wirklich geht: um die Lobby-Interessen großer Firmen.

Beispiel Digital Rights Management (DRM):


Die TCPA ("Trusted Computing Platform Alliance") verspricht einen sicheren PC - doch sicher für wen?

Die Pläne der TCPA sehen vor, jeden PC mit einem Verschlüsselungs-Chip (TPM) auszurüsten, um Manipulationen an Boot-Dateien des PCs zu erkennen und daraufhin den PC zu deaktivieren. Das Software-Gegenstück dazu heißt "Palladium" und ist ein Digital Rights Management, das in die nächste Windows-Generation standardmäßig integriert werden soll.

Palladium wurde in erster Linie entwickelt, um das Abspielen von raubkopierten Mediendateien zu verhindern. Konkret heißt das, dass vor dem Ausführen jedes Programms und dem Öffnen jeder Datei zunächst überprüft wird, ob der Anwender das überhaupt darf. Hat die Datei keine als "vertrauenswürdig" eingestufte Signatur, blockt das Betriebssystem ab. Wer oder was vertrauenswürdig ist, entscheidet der Palladium-Server. Der wird nämlich bei jedem Start des Betriebssystem kontaktiert, um eine neue Liste gesperrter Dokumente downzuloaden.

Neben den durchaus positiven Nebeneffekten (höhere Virensicherheit, Authentizität von Dokumenten und Schutz vor dem Zugriff Dritter) bedeutet das: eine Instanz außerhalb des eigenen Computers wird künftig festlegen, zu welchen Informationen man noch Zugang hat. Manipulationen an diesem Kontrollsystem werden durch den TPM-Chip erheblich erschwert. Zudem verbieten US- und kommende EU-Gesetze das Umgehen von DRM-Systemen wie Palladium. In den USA gibt es sogar Pläne, die Vorstellungen der TCPA gesetzlich vorzuschreiben.

Im Klartext: setzt die TCPA sich mit ihren Vorstellungen durch, bestimmt künftig Microsoft, wer wessen Dokumente ansehen und verändern darf. Und wenn ein Journalist sich kritisch über Microsoft äußert - wer kann dann noch verhindern, dass ihm einfach der Zugang zu den eigenen Dateien entzogen wird? Nachweisen ließe sich das nicht, da ja das Hacken von DRM-Systemen verboten wird. Ein Horrorszenario? Möglich - aber nicht auszuschließen. Wahrscheinlicher wirkt da schon die Vorstellung, dass ein Hacker sich Zugriff auf den Palladium-Server verschafft und dann z.B. das Windows-Betriebssystem als "ungültig" kennzeichnet. Auf einen Schlag wären Millionen von PCs blockiert.

Werden sich die TPM-Chips und Palladium durchsetzen? Eine schwierige Frage, die nicht unerheblich vom Informationsstand der Bevölkerung abhängt. Es ist kaum vorstellbar, dass die Menschen derartige Vorgänge einfach akzeptieren würden. Traurig nur, dass die Öffentlichkeit derzeit kaum informiert ist - oder wussten Sie, dass IBM in seinen Computern teilweise schon TPM-Chips verbaut?

Um zur Ausgangsfrage zurückzukehren: "trusted" heißt "sicher". Aber nicht sicher für den Anwender, denn der muss seine Kontrolle über den PC abgeben. Mit Palladium wird der PC allerhöchstens sicher für die Musikindustrie. Die Folgen eines möglichen Missbrauchs des Systems sind zudem nahezu unbegrenzt.

Beispiel Microsoft-Kartellprozess:


Der vor einem Jahr ausgehandelte Kompromiss zwischen US-Justizministerium und Microsoft wird akzeptiert, die weitergehenden Forderungen von neun US-Bundesstaaten dagegen werden abgeschmettert. Die praktischen Konsequenzen dieses Kompromisses für Microsoft? Praktisch keine. Vielmehr wird dem Giganten erlaubt, sein Quasi-Monopol bei den Betriebssystemen auszunutzen, um Dominanz in anderen Bereichen zu erlangen: z.B. bei den Handhelds, beim Internet-Streaming und nicht zuletzt auch in Bezug auf Entertainment-Technologie (X-BOX). Die Entscheidung lässt sich noch am Obersten Gerichtshof der USA anfechten.

Mit Spannung erwartet werden auch der Ausgang des EU-Kartellverfahrens und die Entscheidung im Zivilprozess zwischen Microsoft und AOL/Netscape. Letztere hatten geklagt, weil Microsoft im Browserkrieg gegen Anti-Trust-Gesetze der USA verstoßen hatte.

Fazit


Informationstechnologie ist vielleicht die wichtigste Technologie dieses beginnenden Jahrhunderts. Ihr Einfluss reicht weit in alle gesellschaftlichen Subsysteme hinein. Trotzdem verhalten sich die westlichen Regierungen so, als ginge es nur um die Befriedigung einiger Lobby-Interessen. Software-Patente, DRM-Systeme wie Palladium... eine unheilvolle Tendenz, die Macht und Befugnisse der Individuen in den Bereich der Global Player im Softwarebusiness verschiebt.

Nur: was tun? Passiv auf ein Aufwachen der Volksvertreter hoffen ist zu wenig. Eine Initiative müsste gegründet werden, die Lobbyarbeit gegen die großen Konzerne lanciert. So wäre zumindest Waffengleichheit geschaffen.

Quellen


Wer selbst zu dem Thema recherchieren will, muss nur die Suchmaschine seiner Wahl zu den Keywords "TCPA", "Palladium" oder auch "Microsoft-Prozess" befragen. Wer dem Internet als Medium nicht traut, sollte sich die c't, Ausgabe 24/2002 besorgen. Alle in unserem Artikel angesprochenen Themenkomplexe werden dort vertieft behandelt.







Autor: Admin

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